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Sonntag, 8. Januar 2012

Romantisierendes Obdach

Zartes Sonnenlicht zerbricht auf ihren kalten Wangen          
Unter dem blauen Saum einer Mütze blinzeln kleine Augen
dem Erwachen eines weiteren anonymen Tages entgegen
eine elegische Narration in zuverlässiger Endlosschleife

Das zusammengewürfelte Inventar des Überlebens
benetzt durch den feuchten Film der sterbenden Dunkelheit
festgezurrt unter stummen Blicke der ersten Meisen
bedient unser vernebeltes Synonym von urbaner Armut

Die bleiernen Schritte aus dem zweckentfremdeten Obdach heraus
Begleiten die Ungewissheit ob das Lager am Abend noch besteht

Die Kommunikation unter Gleichgesinnten als einzige
zwischenmenschliche Verbindung überhaupt
abgesehen vom demütigen Antlitz vorbeiziehender Personen
die vermummt mit namenloser Blicken
mit euphemistische Panoramen vor dem inneren Auge
über sie hinweg schauen

So versuchen beide Teile des Ganzen ihrer Würde
gerecht zu werden und doch
ihre Blicke treffen sich nicht
bis zum Abend an dem die Augen zur Nacht erblinden

Freitag, 30. Dezember 2011

Der Bauer als schwächster Stein im Spiel

Lustige Klebe- und Scherenspiele als Workshop getarnt
Veranstaltet von ausgelagerten Subunternehmen der Agentur
und versteckt in unscheinbaren Gebäuden der Gewerbegebiete
Die Administration der aufrechtgehenden Steuerzahler
verwaltet die gesellschaftlich Gescheiterten
mit dem fiktiven Argument der Pflicht für die Allgemeinheit

Als wenn Briefmarkenkontingente und Anwesenheitslisten
den Weg zurück in die Gesellschaft ebnen würden
Das Versprechen auf Teilhabe, Nützlichkeit und Partizipation
einer würdevollen und menschlichen Behandlung ist durch
unterhaltsame Steckbriefe und Rollenspiele nicht zu erreichen
Kapitulation aufgrund eines Blendwerks ohne reale Analogie

Rudimentäre Sprechakte zerlebter Frauengestalten
und zittrige Leseversuche alter Männer murmeln 
die leisen aber unverkennbaren Laute der Resignation
Wenn Coaches von corporate identity des Kunden reden
und die einzige Diversifikation des Tages das Nudelgericht ist
steht der Absprung in die Bodenlosigkeit bereits kurz bevor

Sonntag, 11. Dezember 2011

Wandel oder Stagnation

Jeder versteht unter dem Begriff etwas anderes. Ursprünglich benennt er ausschließlich einen objektiven Mangel an verfügbarem Einkommen um den Bedarf an existenziellen Grundbedürfnissen wie Nahrung, Kleidung oder einer Wohnung zu decken. Manche sehen in ihm darüber hinaus gleichbedeutend das drängendstes Motiv von Kriminalitätsdelikten oder etikettieren Empfängern von Arbeitslosengeld II den Begriff widerspruchslos ans Revers. Wiederum andere nehmen Sie lediglich als Problem der Wenigen wahr, von Menschen, die sich nicht genügend angestrengt haben: Armut.

„Das Gesetz macht alle auf erhabene Weise gleich. Es verbietet allen Menschen, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln oder Brot zu stehlen - den Armen ebenso wie den Reichen.“ 
(France, französischer Schriftsteller)

Freitag, 9. Dezember 2011

Lautlose Armut

Versteckt hinter Backsteinfassaden
verwahrlosten Wohnheimen
Bretterverschlägen in der Peripherie
Siedlungen der Anonymität
an denen wir wie blind vorbeiziehen

weisen namenlose Klingelschilder keinen Weg
und versperren zersprungene Glastüren nur denselben

Das odeur der Armut zieht über die Flure
Eine Melange von Schweiß, Fäkalien und kaltem Rauch
lässt Armut in Gänze verstummen

Armut zeigt sich nicht auf den Trottoirs der Szeneviertel
denn Betteln verschwindet aus den Innenstädten
und Pfandflaschensammeln wird auf Bahnhöfen verboten

Erblickt man nur noch den Hinz&Kunzt-Verkäufer
Ist es zu spät